28 August 2011

In Gaddafis Tunnel-System: Karl Wendl aus Libyen

Dutzende Kilometer lang, bombensicher. Karl Wendl war in den Geheimgängen. 


 








Der Beweis: Direkt vor dem Hauptgebäude von Gaddafis Zentrale Bab al-Asisija öffnen die Rebellen einen schweren Eisendeckel. Es ist der Einstieg in das unterirdische Reich des Diktators.

Über eine Leiter steige ich sechs Meter hinab. Dann stehe ich in einem Stahlbeton-Kanal. Zwei Meter hoch, zweieinhalb breit, genug für ein Golfmobil. Ich marschiere mit zwei Rebellen los. Sie führen mich durch das Labyrinth, das Dutzende Kilometer lang sein soll. Wir kommen an eine Metallschleuse. Von hier aus führen vier Seitenstränge weg. Ich wähle den rechten. Dieser Kanal führt zu Gaddafis Haus, sagen die Rebellen.


Dann die nächste Schleuse

Dahinter ein Raum. Vermutlich ein Schlafzimmer für Wachpersonal. Stockbetten, Kühlschränke. Waffenschränke. Sie sind leer. Einige Gasmasken liegen herum. Am Ende des Ganges entdecke ich einen grünen Golfwagen. Damit düste der Diktator durch seine Tunnel.


„Ich landete in Gaddafis Haus – in seiner Küche“

Von Bab al-Asisija aus konnte Gaddafi praktisch jeden Punkt in Tripolis erreichen. Nur so ist es zu erklären, dass der Diktator ständig irgendwo in der Stadt auftauchte und ihn nie jemand kommen sah.
Ein Tunnel führt direkt von der Residenz in die Bunker unter dem Zentralkrankenhaus. Hierhin flüchtete Gaddafi stets, wenn die NATO bombardierte. Fünf Kilometer ist der Weg bis zum Spital.
Die Rebellen führen mich in Gaddafis Privatresidenz. Zuerst wieder eine Schleuse, dann eine Betontreppe. Dann stehe ich in der Küche der Gaddafis. Supermodern, Ausmaße wie in einem Edelrestaurant. Die Küche, ein Nebenhaus, und der Pool – das blieb vom Haus übrig. Im Schutt liegen Bilderrahmen. Gaddafi mit seiner Tochter Aisha, mit seiner Adoptivtochter Hanna. Aisha hat er wie eine Prinzessin verehrt. Hanna hat er verschwiegen, sogar für tot erklären lassen. Das nächste Schlaglicht auf einen Wirrkopf.


Grausames Kriegsverbrechen: 200 Patienten starben in ihren Spitalsbetten.

Diese Entdeckung zeigt, wie grausam das Regime Gaddafis mit dem Volk umging. Gestern wurden im Abu-Salim-Krankenhaus in Tripolis mehr als 200 Leichen von Patienten gefunden. Laut den Ärzten wurde das Spital von Gaddafis Scharfschützen belagert. Sie knallten jeden ab, der sich den Kranken näherte, um zu helfen. So starb ein Patient nach dem anderen. Sie lagen zumindest fünf Tage lang überall verstreut: In den Betten, Gängen, vor den Ärzte-Büros und sogar am Parkplatz. Die Überlebenden – darunter viele Kinder – mussten tagelang den Geruch der Verwesung ertragen.


(Quelle: TZ Österreich)